Feldenkrais Gemeinschaft

LeitSatz

".. das Unmögliche möglich machen, das Mögliche leicht und das Leichte elegant.“

(Dr. Moshé Feldenkrais)

Feldenkraisarbeit

Patient: Lina ist ein 4 jähriges Mädchen, das vor 2 Jahren unverschuldet durch einen Unfall ins
Wachkoma versetzt wurde. Die Familie war auf dem Weg zu einem Stadtfest, als plötzlich ein
Auto im Kreisverkehr die Kontrolle verlor und in die auf dem Gehsteig laufende Familie
hineinfuhr. Am schlimmsten traf es die kleine Lina, die dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt
und nun im Wachkoma liegt.
Familiäre Situation: Der Unfall hat das Leben der Familie schwer verändert. Auch die Mutter
wurde durch den Unfall verletzt. Die Familie muss sich damit abfinden, dass sie ein
schwerstbehindertes Kind haben und zwei ältere Geschwister, die wieder gesund wurden.
Eine irrsinnige Belastung für die ganze Familie. Nach langen Krankenhausaufenthalten und
Behandlungen stehen nun immer wieder therapeutische Behandlungen an. Um ihre
Wahrnehmung zu verbessern und ihr ein positives Körpergefühl und ein Stück Lebensfreude
zu vermitteln, meldeten die Eltern die kleine Lina zum Heilpädagogischen Reiten an.
Erste Begegnung mit den Pferden:
Um den Eltern eine Gelegenheit zu geben, sich erst einmal vor Ort kundig zu machen, wie so
etwas abläuft, lud ich sie zu einem Infogespräch auf den Hof ein. Lina saß im Kinderwagen
und war festgeschnallt, da sie sich nicht alleine beim Sitzen halten kann. Ebenso waren ihre
Eltern, ihre Tante und eine Schwester anwesend. Ich unterhielt mich mit den Eltern, gab über
möglichen Stundenverlauf und Pferde Auskunft und beobachtete währenddessen immer
wieder Lisa im Kinderwagen. Um ihr den direkten Kontakt zum Pferd zu ermöglichen, holte
ich von den beiden Ponies, die für Lina in Frage kamen, eines heraus. Doch die Reaktion von
Fijona, der kleineren Ponystute war deutlich, sie wollte nicht hin an den Kinderwagen. Lotta
hingegen, ihre Mutter, eine sehr erfahrene Therapiestute, drängte sich sofort an den Wagen
heran und beschnupperte vorsichtig Linas Hände, den Wagen und das ganze Kind. Lina
reagierte nur durch Augenbewegungen, ihre Hand (die linke) verkrampfte sich beim ersten
Kontakt. Um ihr möglichst nahen Kontakt zum Pferdekopf zu geben, bat ich Linas Vater, sie
auf den Arm zu nehmen, damit sie mit beiden Händen den Kopf berühren könne. Ich führte
dazu ihre Hände und streichelte damit Lottas Kopf, ließ sie die warme Luft aus den Nüstern
spüren. Sie ließ es ohne Verkrampfung gewähren. Da Lina schon ganz schön schwer ist, wenn
man sie die ganze Zeit trägt, setzten wir Lina seitwärts auf Lottas Rücken, die angebunden
war. Linas Vater stützte sie von hinten , ich nahm mit ihren Händen Kontakt zum
Pferdekörper auf. Wieder ließ sie es gewähren. Es war kein bisschen Widerstand zu spüren.
Schließlich ließ sie sich rücklings auf Lottas Rücken legen, die Beinen an beiden Seiten
herabhängend. Sie brabbelte vor sich hin, gab Geräusche von sich, schaute mit ihren Augen
hin und her. Sie wurde immer lauter dabei. So band ich Lotta los und wir wagten 2 Schritte,
da ging ein herzhaftes Lächeln über ihr Gesicht, sie entspannte sich völlig. Wir versuchten es
wieder, blieben wieder stehen und es war jedes Mal dieselbe Reaktion: Bei Bewegung wurde
sie locker, lächelte und entspannte sich. Blieben wir stehen, protestierte sie mit Gebrabbel, das
sie sofort aufhörte und inLächeln überging, wenn wir weitere gingen. Ihre Reaktion auf das
Pferd und das Getragen- und Bewegt werden von diesem Lebewesen überzeugte die Eltern
und wir vereinbarten den nächsten Termin. Die Mutter, die sehr ängstlich und übervorsichtig
war, entspannte sich ebenfalls und wurde ebenso locker und freute sich für ihre Tochter.
Weitere Stunden:
Inzwischen kam Lina noch 6 mal, jedes Mal für eine halbe Stunde. Sie liegt, wie beim ersten
Mal, auf dem blanken Pferd und lässt sich tragen. Das erste Mal wagten wir eine Runde durch
das Dorf, um ihr lange, ebene Stücke anzubieten. Wieder reagierte sie mit „erzählen“, lächeln
und sogar lautem Lachen, wenn sie Lottas Bewegungen unter sich spürte. Standen wir ,
protestierte sie lautstark und versuchte sich selber zu bewegen, bis die Bewegung wieder
spürte. Augenblicklich wurde sie still, als meine Praktikantin , die Lotta führte, während der
Papa und ich sie von beiden Seiten sicherten, sie während einer kurzen Pause am Bein
streichelte,und ihr Blick ging sofort in diese Richtung und sie versuchte, den Kopf zu heben.
Wir unterstützen diese Bewegung, doch sie wollte dann doch lieber schnell wieder
durchgeschaukelt werden. Je nach Tagesform entspannt sie sich ganz und gar und schläft auch
fast ein, oder sie verkrampft ihre linke Körperhälfte, wenn sie etwas beunruhigt oder sie frisch
aufs Pferd gelegt wird, bis sie die Situation erkannt hat. Um ihre Lendenwirbelsäule zu
entlasten und um ihren Beinen festen Halt zu geben, den „Boden“ unter den Füßen zu spüren,
band ich zwei Steigbügel an einen Deckengurt. Das erste Mal reagierte sie äußerst positiv, es
gefiel ihr offensichtlich, denn sie krampfte gar nicht und ließ die Füße weitgehend aufgestellt
und konnte mit dem Rest des Körpers locker die Bewegung mitgehen, sich durchschütteln
lassen. Das nächste Mal protestierte sie lautstark dagegen, sie brauchte an diesem Tag länger,
um überhaupt zu entspannen. Sie reagiert auf jede neue Situation recht stark und je nach
Tagesverfassung mit wenig bis viel Verkrampfung anfangs. Als wir , wegen starken Regens
in die Halle ausweichen mussten, war es wieder eine völlig neue Situation für sie, in der sie
die Steigbügel überhaupt nicht annehmen wollte, sie horchte auf die Regentropfen auf dem
Dach, auf des Schnauben von Lotta grinste sie leicht und als wir Lotta etwas schneller gehen
ließen, lachte sie wieder. Sie entspannte sich wieder, lehnte aber entschieden die Steigbügel
ab, indem sie sich sofort steif machte, als sie den Widerstand an ihrem Fuß spürte, jedoch
auch sofort locker ließ, wenn es vorbei war. Ihre Augen ließ sie über die Decke gleiten. Als
sie den Flattervorhang an ihrem Kopf vorbei huschen sah oder bemerkte, lächelte sie wieder.
Inwieweit ihr Sehvermögen intakt ist und sie etwas erkennt, ist ungewiß, jedoch reagiert sie
sehr stark auf Geräusche: als wir ein Motorrad vorbei fahren ließen, weiteten sich ihre Augen
schreckerfüllt und sie machte sich blitzschnell steif- bis es vorüber war- die Erinnerung an
den Unfall ist wohl noch vorhanden. Auch auf den Regen auf dem Dach und den Donner
reagierte sie mit Steifmachen und erschreckten Augen. Offensichtlich sind ihr laute
Geräusche unangenehm. Positiv reagiert sie dagegen auf Geräusche eines Glockenspieles,
das im Dorf an einem Baum hängt. Wir stellen Lotta direkt darunter, so dass entweder Lotta
selber oder ich das Glockenspiel berühre und erklingt dann der Ton, lacht Lina. Ebenso
reagiert sie auf das Abschnauben von Lotta mit einem Lächeln.
Gegen Ende der „Stunde „ liegt Lina immer völlig entspannt auf dem Pferd und schläft fast
ein, denn die Entspannung ermüdet ihren Körper, natürlich auch die vielen neuen Eindrücke.
Während dieser Entspannung gelingt es immer häufiger, ihre Hand zu öffnen und damit
Lottas weichen, warmen Körper zu streicheln. Lotta bringt sie dann jedes Mal wieder ans
Auto zurück, wo sie dann noch spürt, wie Lotta sich anfühlt, wenn sie ihre Belohnung frisst.
Sitzt sie dann im Auto, ist jedes Mal lautstarker Protest. Nach Aussage des Vaters hält diese
Entspannung dann auch noch etwas an.
Wie man sehen kann, löst das Medium Pferd selbst bei Wachkomapatienten, oder Patienten
die nicht in der Lage sind, sich ihrer Umwelt selber mitzuteilen, eine Reihe an Reaktionen
aus, die zeigen, das ihre Wahrnehmung dennoch sehr gut trainierbar und förderbar ist..
Obwohl sie nicht sprechen kann, entfahren ihr Lautkombinationen, die sich- in passender
Situation- wie „ja „ anhören oder sogar „Mama“.
Sicherheitsfaktoren:
In diesem Fall ist es sehr nützlich und notwendig, wenn man einen Helfer als Pferdeführer
hat. Der Vater geht meist auf der rechten Seite mit, ich bin auf der linken Seite und beide
sichern wir Lina, indem wir sie am Arm (nicht am Gelenk) und am Bein festhalten.
Gelegentlich halte ich sie auch am Bauch, je nachdem, in welcher Verfassung sie ist.
Die Steigbügel sollten vorne geschlossen sein, so dass ihr Bein nicht durchrutschen kann. Wir
haben vorne ein breites Band der Länge nach vorgebunden, so daß ihr Fuß fixiert ist.
Allerdings liegt nicht die Fußsohle, sondern die Fußaußenkante im Steigbügel, da sie die Füße
verdreht hält. Trotzdem spürt sie auch mit der Fußsohle den Kontakt zu dem Steigbügel.
Zu meiner eigenen Absicherung habe ich mir vom behandelnden Arzt eine Unbedenklichkeit
für das Heilpädagogische Reiten bescheinigen lassen.




zurück zur Newsübersicht
Copyright 2012 ©, Feldenkraisgemeinschaft Life in Balance e.V. - Impressum