".. das Unmögliche möglich machen, das Mögliche leicht und das Leichte elegant.“
(Dr. Moshé Feldenkrais)
Paulina, 10 Jahre wurde für 20 Einzellehrstunden Feldenkrais FI angemeldet, die von der Technikerkrankenkasse bewilligt und bezahlt wurden.
Indikation: Hyperaktivität, Aggressivität, Schlaflosigkeit, Unruhe und vermutbare Kleinwüchsigkeit.
Begleitpersonen: Die Mutter 1,45 m groß ! und der ein Jahr jüngere Bruder Marke netter Bengel.
P. soziale Indikation - sie hatte zu Hause der Oma gegen das Schienbein getreten, eine Wiederholung war zu befürchten. Und sie errringt häusliche Siege über den kleinen Bruder im häufigen Niederringen. Ansonsten wird sie als laut und aggressiv beschrieben. Im Schulischen zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie die anderen im Vorbeigehen per Ranzen auf den Rücken legt etc..
P. medizinische Indikation ist eine seitens der Mutter befürchtete und von den Ärzten in langen stationären Versuchsreihen kontrollierte vermutbare Kleinwüchsigkeit. Nach mehreren stationären Aufenthalten im Krankenhaus mit allerlei Untersuchungen und Vermessungen sollte jetzt eine medikamentöse Behandlungsreihe eingeleitet werden.
Der Feldenkraislehrer braucht einen INTUITIVEN BLICK, das ERSCHAUEN.
Was empfinde ich, wenn ich Paulina ansehe im Bezug auf Kleinwüchsigkeit?
P. ist eher klein, jedoch sagt mir mein Schauen und Spüren - nicht im mindesten auch nur in der Nähe von Kleinwüchsigkeit. Die zu bildende INNERE STIMME wird von diesem Eindruck untermauert werden.
Und im Bezug auf Aggressivität?
Paulinas Begrüßung, Rede und Antwort mir gegenüber sind klar, offen, ruhig und höflich. Der Mutter zugewendet auch offen und freundlich. Dem kleineren Bruder begegnet sie forsch bestimmend und immer bereit zu einem kleinen Kämpfchen. Alles in allem jedoch ohne Dramatik.
Im Bezug auf Hyperaktivität und Raumgefühl - Paulina bewegt sich im engen Flur und dem kleinen Behandlungsraum orientiert und sicher.
Der Feldenkraisblick bezogen auf Paulinas Haltung und Ausrichtung: P. hält sich kurz und gedrungen im Hals, eher wie ein Igel unter Stacheln. Arme und Schultern sind muskulös, die Schulterblätter kaum differenzierbar. In den Hüftgelenken hat P. entsprechend zugemacht. Ihre vorgedachte Gelenkigkeit ist aktionsraumsparend. P. hält sich in der Atmung hoch im Brustraum und gleichzeitig flach.
Gesamteindruck: "HIER WERDEN SIE GEHOLFEN! DEN ÄRZTEN MÜßTE MAN DEN PO VERSOHLEN! PAULINA IST EIN SEHR NETTES MÄDCHEN. "
Die 20 FI - Anwendungen unterteilten sich in eine 30-40 minütige Einzellehrstunde und eine anschließende Übergabe zur Mutter mit Kontakt und Gespräch zu derselben.
Paulina schlief in allen Behandlungen nach zwei Minuten ein und absolvierte sicherlich 10-20 Minuten schlafend, dabei laut schnarchend.
Dieses Phänomen ist beim sogenannten hyperaktiven Kind häufig anzutreffen. Ein Erklärungsmodell dazu sagt, dass der Muskeltonus bei vielen dieser Kinder sehr niedrig ist und sie sich über ihre Unruhe und rudernden Bewegungen praktisch aufziehen, um zu funktionieren. Das kommt vor, ist bei P. jedoch nicht der Fall. Vielmehr ist mein Eindruck, dass der flache Atem ihre Sorge, Vorsicht, Wachsamkeit und ihren Kampfgeist stützen. Zieht man den Stöpsel insofern heraus, indem man dem Atem mehr Boden und mehr Räume eröffnet, findet sie die Kraft zum Ausruhen.
Wir erörtern den Bezug "RUHE IST AUCH LEBEN" und ich lasse der Ruhe einen Raum gedeihen im Kraftfeld Körpermitte (pelvis clock) und den Füßen einen gesicherten spürbaren Standpunkt auf dem Boden (Fußbrettchen - artificial floor). Die weitwere Erarbeitung des AUFMACHENS von P. Körper und Selbst betrifft das Thema der Differenzierung in rechte und linke Körperhälfte und die Öffnung der Hüftgelenke. Paulinas Prinzip der Selbsthaltung vom Igel oder einer Schildkröte im Panzer begegne ich mit allen Anwendungen zum Längen. Alles in allem bedurfte es bei Paulinas Anwendungen zur Funktionalen Integration nicht mehr Raffinesse, als ihr - liebe Kollegen - aus allen Feldenkraisgrundausbildungen sicherlich mitbringt.
HÖREN UND HORCHEN oder WAS IST DIE FRAGE?
Paulinas Mutter hat folgende Nöte, die es zu beantworten gilt:
1. Nach Aufforderung durch die Lehrer ist sie gehalten, etwas zur Besserung von P. aggressivem Verhalten in der Schule zu unternehmen.
2. Der häusliche Unruheherd soll befriedet werden - Paulina ringt ständig den ein Jahr jüngeren Bruder nieder und hat der Oma gegen das Schienbein getreten.
3. Sie sucht Unterstützung in der Beantwortung zu der Frage, ob P. nun kleinwüchsig ist oder nicht. Die stationären Krankenhausaufenthalte dienten bisher allerlei Vermessungen. P. wird sowohl von ihrer Mutter als auch den Ärzten als Grenzfall eingestuft. Es soll eine medikamentöse Behandlungsreihe eingeleitet werden, bei der das Längenwachstum angeschoben wird. (Meine vergleichende Erfahrung mit behinderten Kindern unter dieser Medikamentenreihe hat ergeben, dass meist eine unschöne Dicklichkeit als Nebenwirkung erreicht wird.
Paulinas Mutter selber findet sich mit 1,45 m winzig, klein und scheußlich und möchte ihrer Tochter dieses selbstbild ersparen. (Kleinwüchsigkeit wird ab 1,44 m abwärts eingestuft). Mein Eindruck zu P. Mutter ist folgendermaßen: Vor mir steht eine hübsche, zarte, kleine Frau mit kurzen, blonden Haaren. Auffallend für mich ist nicht ihre Kleinheit, sondern eher der etwas matte, verhärmte Gesichtsausdruck. Das Leuchten fehlt. Auf mein Fragen ( immer in den letzten 10 Minuten nach der FI) erzählt sie, dass die Stadtwohnung klein ist, der Vater viel arbeitet, sie jedoch sonntags als Familie etwas unternehmen. Und dass die Oma doch auch für sie anstrengend ist, wenn sie sich in erzieherischer Absicht an die Kinder wendet.
Wie immer bei Behandlungen mit Kindern ist das Geheimnis, ihnen die GEBIETSHOHEIT ÜBER IHR LEBEN deutlich zu machen und einräumen zu helfen. Wir arbeiten an der AUTONOMIE. Dazu muß Paulina Fragen an ihr Leben finden. Gebündelt sieht das etwa folgendermaßen aus:
- die Oma nervt, weil sie an ihr herumzetert
- der kleine Bruder - weiss sie auch nicht - steht irgendwie immer im Weg - sie lehnt ihn nicht ab
- In der Schule ist sie nicht ungerne. Was sie unglücklich macht ist, "Hallo Alte" gerufen zu werden, was sie auf ihre Kleinheit bezieht.
- Sie hat große Angst vor den Krankenhausaufenthalten und lehnt die Berührung durch "stinkende Ärzte" total ab. Lieber heute als morgen ohne diese.
FELDENKRAIS MENTAL ist bei der Arbeit mit Kindern sehr wichtig, um sie für strukturelles Lernen und Spüren aus der Feldenkraislehre zu motivieren.
Ich entwickle mit ihnen BILDER und VISIONEN, stärke die INNERE STIMME und baue LEITSÄTZE um. Da sie dieses spürbar stärkende Geschenk erhalten, erarbeite ich im Gegenzug VEREINBARUNGEN. Diese Vereinbarungen sind der Boden dafür, sich das eigene Leben verfügbar zu halten und sich die Prinzipien Pflichten und Freude ausgewogen vorzulegen.
Die Stärkung der inneren Stimme im Bezug auf Omas Verhalten heißt dann: ZU DEM EINEN OHR HEREIN UND ZU DEM ANDEREN HERAUS . . . . . Die VEREINBARUNGSEBENE im Bezug auf die Oma heißt: OMAS TRETEN GEHT NICHT, WEIL IST NICHT! OMAS FALLEN HIN UND BRECHEN SICH DIE KNOCHEN! ES KOMMT NICHT WIEDER VOR!
2. Zum kleinen Bruder. Geschwisterrivalität zwischen Kindern, die nur ein Jahr auseinander sind, kommt häufig vor. Oft fällt das ältere Kind auf, da es am meisten die frühe Konkurrenz als freudestörend empfunden hat. Auf meine Frage, ob P. etwas mit ihrer Mutter alleine unternehmen möchte, leuchten ihre Augen auf. Dieses ist noch nie vorgekommen. Ein Eis essen gehen, ein T-Shirt kaufen, Enten füttern. Die Geheimnisse zwischen Mutter und Tochter. Die Mutter war sofort zu diesen Aktionen bereit. Sie wußte nicht, dass es einer Tochter zusteht, mit der Mutter etwas alleine zu unternehmen, sozusagen von Frau zu Frau. Mein Nachfragen ergab, daß beide eine große Freude an diesen Ausflügen hatten. Und "JOY OF LIVING" ist immer ein Ziel meiner FI mit Kindern.
Durch die Unruhe um den Bruder und die Oma wird deutlich, dass ein Aufeinanderhocken in der kleinen Wohnung so nicht geht. Da 10jährige Paulina mir flugs das Niederringen ihres 9jährigen Bruders demonstriert und dieser sich auch nicht ungerne zur Verfügung stellt, werden beide Kinder einvernehmlich von allen Beteiligten im Sportverein zum Judo angemeldet. Wahrscheinlich handelt es sich leider nicht um "HIGHER JUDO" a la Feldenkrais. Jedoch freuen sich beide Kinder darauf. Sie bekommen von mir mit auf den Weg, dass es Niederringen satt gibt und der Respekt vor dem Gegner geschult wird.
3. In der Schule: Paulina fühlt sich gedeckelt, weil die anderen "Hallo Alte" zu ihr sagen. Ich erzähle ihr, dass meine Kölner Freundin und ich uns immer mit Hallo Alte begrüßen. Dort ist es freundschaftlich liebevoller Volksmund. Somit erarbeiten wir verschiedene EINSTELLUNGEN und BRENNSCHÄRFEN rund um einen Begriff. Da Hallo Alte natürlich gemünzt auf P. Kleinsein ist, erzähle ich ihr weiterhin von meiner attraktiven Freundin Sabine, die 1. 44 m groß ist, einen Mann und vier Kinder hat und immer im gepflegten Hamburger Chic herausgebracht ist, wenn sie im Dorf spazieren geht. Den Begriff "Kleinwüchsigkeit" kann sie nur mit schallendem Gelächter quittieren. Eine hübsche Frau geht ihren Weg. . . Ich erzähle Paulina von den großen, schlaksigen holsteinischen Mädels in der Schule meiner Tochter, die man ja auch Kamele oder Giraffen nennen könnte und die ergebnislos um eine zu ihnen passende Bestuhlung verhandeln. So erarbeite ich mit Paulina eine Einstellung zum Grußwort "Hallo Alte".
Dabei bringe ich sehr stark meine hohe Intuition und mein gutes Bauchgefühl ein, während ich gleichzeitig Begriffe und medizinisches Wissen recherchiere. Und ich äußere meine ehrliche Meinung. Paulina ist nicht kleinwüchsig, sondern ein kleines Fräulein. Da kann messen, wer will!
Ich schließe mit ihr eine Wette ab: Ich bekomme von ihr selbstgemachte Bratkartoffeln mit Spiegeleiern serviert, sobald sie einen Zentimeter größer ist als ihre Mutter. (Ich esse gerne und das kann sie kochen). So stärke ich Paulinas SELBSTBILD und SELBSTVERTRAUEN und stärke Wachsen durch AUFMACHEN und LOSLASSEN.
4. Im Bezug auf Krankenhausaufenthalte und Ärzte weiss ein Schulkind recht gut, was ihm bekommt und wodurch seine Entwicklung gefördert wird. Paulina sagt "Nein" zur medizinischen Behandlung und ich ebenso. Die Mutter ist so froh über dieses neue Familiengefühl und schließt sich uns an.
Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute und geben gerne weiter, was 20 mal Feldenkrais im Bezug auf Schulschwäche, Familienfrieden, Kleinwüchsigkeit und joy of living so herausbringen kann.
Danke Moshé